Das Bruttosozialglück in Bhutan

Das Bruttosozialglück in Bhutan

Asiatischer Kleinstaat ist Vordenker in Sachen Nachhaltigkeit

Der Mensch lebt nicht vom Geld allein. Im asiatischen Bhutan hat man das begriffen und verfolgt ein Entwicklungskonzept mit materiellen und spirituellen Elementen. Tobias Pfaff, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökonomische Bildung an der
Universität Münster, hat sechs Monate am Centre for Bhutan Studies in Thimphu gearbeitet, um das Konzept von Gross National Happiness zu erforschen. In Zusammenhang mit der Glücksforschung von Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel hielt er im Wintersemester
einen Gastvortrag in der Fakultät Betriebswirtschaft mit dem Titel »GrossNational Happiness – Das Entwicklungskonzept von Bhutan«.

Die gesellschaftliche Wohlfahrt wird traditionell mit ökonomischen Größen wie dem Bruttoinlandsprodukt gemessen. In Wissenschaft
und Politik tauchte jedoch immer wieder die Frage auf, ob die rein monetäre Messung alle Dimensionen der Wohlfahrt erfassen kann. Die französische Regierung beispielsweise beauftragte Anfang 2008 eine Kommission damit, neue Wohlfahrtsindikatoren zu entwickeln, die auch die Messung der Lebensqualität mit einbeziehen.

Als eine der Alternativen zum Brutto inlandsprodukt wird das so genannte Bruttosozialglück (Gross National Happiness) bezeichnet, das untrennbar mit dem Land Bhutan verbunden ist.

Bhutan ist ein kleines Königreich zwischen Tibet und Indien. Die Landschaft ist vom Himalaya-Gebirge geprägt. Bhutan war nie
kolonialisiert und in seiner Entwicklung bis in die 1950er Jahre vom Rest der Welt abgeschnitten. Ackerbau und Viehzucht dienten als hauptsächliche Einkommensquelle, wobei die Menschen zumeist in kleinen Dörfern ohne jegliche Verwendung moderner Technologie und ohne nennenswerte Infrastruktur lebten.

Der vierte König wurde Ende der 1970er Jahre mit den Worten zitiert:
»In Bhutan ist das Bruttosozialglück wichtiger als das Bruttosozialprodukt.«
Wie kam es zu dieser Sichtweise?
Zum einen sind die Menschen traditionell stark mit der buddhistischen Philosophie verbunden:
Der Mensch wird nicht unabhängig von Natur und anderen Lebewesen gesehen, sondern ganzheitlich. Zum anderen konnte man in anderen Ländern beobachten, dass moderner Fortschritt auch negative externe Effekte auf Bereiche wie Kultur und Umwelt
haben kann, zum Beispiel im Nachbarland Nepal.

Der Begriff der Nachhaltigkeit hielt im Westen in den 1970-er Jahren Einzug in die öffentliche Diskussion. Nach dem Ölpreisschock
und der anschließenden globalen Wirtschaftskrise konzentrierte man sich jedoch wieder auf ökonomische Probleme, und die Diskussion verschwand von der Oberfläche. In Bhutan wurde der Gedanke jedoch weiter verfolgt und in konkrete Politik umgesetzt. Neben der wirtschaftlichen Entwicklung wurden auch Bildung, Kultur, Gesundheit und Umweltschutz durch Projekte und Gesetze gezielt gefördert.

Im Kern der Entwicklungsphilosophie des Bruttosozialglücks geht es um das Gleichgewicht von ökonomischen und nichtökonomischen
Zielen. Ökonomisches Wachstum ist dabei kein Zweck an sich, sondern ein Mittel, um wichtigere Ziele zu erreichen. Solch ein Ziel kann z.B. gemeinschaftliches Glück sein. Beeinflusst durch bhutanische Kultur und die buddhistische Philosophie sollte das Streben nach Bruttosozialglück in Bhutan jedoch vielmehr verstanden werden »als das Mandat des Staates zur Schaffung einer Umgebung,
in der die Bürger geistige Ausgeglichenheit anstreben können« (Übersetzung des Verfassers), wie es Kinley Dorji, Herausgeber
der Zeitung »Kuensel«, beschreibt. Es geht also um einen Einklang von materieller und spiritueller Entwicklung. In der kürzlich verabschiedeten Verfassung heißt es: »Der Staat soll sich darum bemühen, diejenigen Bedingungen zu fördern, die das Streben
nach Gross National Happiness ermöglichen« (Übersetzung des Verfassers).
Den Artikel habe ich entnommen aus „OHM Journal SS 2009“

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